Einsamkeit erfülle zunächst eine wichtige Funktion. Sie könne sich zeigen, wenn der Ehepartner nur noch fernsehen wolle, Freunde ausschließlich über Fußball sprächen. Dauere dieser Zustand jedoch mehr als zwei Jahre an, könne sich die Einsamkeit chronifizieren und wie ein "Schmerzgefühl" zu Wort melden. Betroffene altern dann schneller, schlafen schlechter und leben unter dauerhaftem Stress, berichtete Professor Michael Noak von der Hochschule Niederrhein im Vechtaer Jugendhof vor rund 70 Teilnehmenden. Sie seien anfälliger für Krankheiten. Schulische Leistungen würden schlechter.
Einsame Personen vertrauen anderen Menschen sowie Institutionen weniger und gehen schneller zu Demos, sagte der Einsamkeits-Experte. Die Gefahr bestehe, dass die innere Leere mit Substanzen, unguter Ernährung oder dem Anschluss an extreme Gruppen betäubt werde. Chronisches Alleinsein könne durch Umbruchphasen wie Umzüge ausgelöst werden oder auch durch die Geburt eines ersten Kindes.
"Wer früh einsam ist, ist das oft auch später", führte Noak aus. Kinder müssen nicht nur versorgt, sondern auch wahrgenommen werden", riet der Sozialwissenschaftler. Es brauche eine "schwebende Aufmerksamkeit".
Grundsätzlich riet er, mehr "Dritte Orte" zu schaffen. Plätze, an denen man neben dem Arbeitsplatz und den eigenen vier Wänden gut mit anderen Menschen in Kontakt käme. So könne man Sporthallen rund um die Uhr geöffnet halten oder leerstehende Innenstädte dafür nutzen.
Darüber hinaus helfe, soziale Fähigkeiten wie den Small Talk zu trainieren und Kontaktgelegenheiten zu erweitern. Einsamkeit sei extrem mit Scham besetzt. Häufig mit dem Gefühl verbunden: "Es stimmt etwas nicht mit mir, aber ich weiß gar nicht, was mir fehlt." Noak: "Die Standardlösung wird es nicht geben."
Chronische Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen könne verstärkt werden durch überzogene Elternkontrolle, die Orientierung an dem, was das Kind alles nicht könne oder Trennung und Scheidung. Starker Handykonsum mache nicht grundsätzlich einsam, sondern nur dann, wenn eine innere Leere damit überdeckt werden soll.
Den Grundsatz, "dass jeder Mensch aus einem guten Grund handelt", vermittelte der Bremer Medienpädagoge Markus Gerstmann. Sein Rat im Blick auf Medienkonsum: Mit den Jugendlichen über ihre Bedürfnisse ins Gespräch kommen. "Und nicht die moralische Keule zücken!" Seine Empfehlung: "Jungen Menschen helfen, dass sie die beste Version von sich selbst werden."
Die Veranstalter waren der BDKJ Jugendhof Vechta, die Stapelfelder ‚Fachstelle für pastorale Bildung und Begleitung‘ sowie der Arbeitsbereich ‚young caritas‘ im Oldenburger Land. Weitere Infos: Sigrid Möller, Landes-Caritasverband, Tel. 04441 8707-0 oder Moeller@lcv-oldenburg.de
Pressemitteilung
Einsamkeits-Experte: „Wir brauchen viel mehr ‚Dritte Orte‘“
Erschienen am:
03.11.2026
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