Für das Baby, das damals nur mit Body bekleidet im Gitterbett lag. Ohne Zudecke. Durchnässt. Die beiden "Familienhebammen" vom dortigen Caritasverband haben eine Winterjacke an, weil es kalt ist in der Wohnung. Und Winter. Lebensentscheidend sind die "Frühen Hilfen" für die Frau, die mit 16 schwanger wurde, und irgendwann von ihrer eigenen Mutter vor die Türe gesetzt wird. Weil sie das Zimmer für jemand anderes brauchte. "Fälle, die unter die Haut gehen", zeigte sich Weihbischof Theising betroffen bei einem Besuch an der Delme ebenso wie in Oldenburg und Vechta.
"Viele Mütter wissen es nicht besser", spricht Koordinatorin Andrea Eybe vom Caritasverband von den gut 50 Familien, die der Familienhebammendienst in Delmenhorst pro Jahr betreut. 19 von ihnen intensiv. Will sagen pro Woche zwischen vier und zehn Stunden in der Stadt mit ihren 81.000 Einwohnern. Die Mutter etwa, die stolz berichtete, dass sie täglich frisch koche und damit meinte, dass sie jeden Tag Dosen frisch öffne. "Sie hat es selbst nicht erlebt, gut versorgt zu werden", ist auch aus dem Mund der Familienhebammen Regina Neumann und Claudia Müller nie ein abwertendes oder vorwurfsvolles Wort zu hören.
Sie, die zu Müttern mit Epilepsie gehen oder Frauen, die Gewalt erfahren haben und raus aus ihrem Clan wollen. Die hohe Schulden haben oder abhängig von Suchtmitteln sind und zu 80 Prozent Bürgergeld empfangen. Die Mutter etwa, die als Teenager mehrere Tage ohne jeden Cent alleine zu Hause gelassen wurde. "Frauen, die selbst nie gelernt haben, wie man ein Kind versorgt."
Auch der Vater, der früher als Junge an die Heizung gekettet worden sei und mit der Hebamme zum ersten Mal erlebt, "dass jemand stabil da ist". Eltern, die den examinierten Hebammen oder Kinderkrankenschwestern mit sozialarbeiterischer Zusatzqualifikation für ihre Treue und Verlässlichkeit danken: "Auch wenn ich mal blöd war, seid ihr wieder gekommen!" Ein Angebot im Auftrag des Landkreises, welches beim Start vor gut 20 Jahren eines der ersten seiner Art in Niedersachsen war.
800.000 bis 900.000 Euro könne die öffentliche Hand sparen, beschreibt Rita Schute, Fachberaterin beim Landes-Caritasverband, den Wert der Frühen Hilfen, wenn ein junger Mensch auf die eigenen Beine käme und nicht lebenslang vom Staat unterstützt werden müsse.
Frühe Hilfen, die es beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF) in Oldenburg neben der Hebammenzentrale in Form von ehrenamtlichen Familienpatinnen gibt, hören Weihbischof Timmerevers und Caritasvorstand Professor Dr. Martin Pohlmann bei den Besuchen. Zwölf dieser Freiwilligen gibt es in Oldenburg, die sich unbezahlt um Kinder unter Drei kümmern. Eingearbeitet von Marina Tihen als hauptamtlicher Sozialarbeiterin, die jederzeit ansprechbar ist. Als Backup beispielsweise für die Familienpatin, die seit 2013 eine Familie betreut hat mit vier teilweise schwer behinderten Kindern. "Ich gehe dann einfach mal zwei / drei Stunden mit einem Kind raus und spazieren."
Während dieser Zeit in Ruhe duschen, sei ein häufiger Wunsch der entlasteten Eltern, berichten die sieben Patinnen am Tisch, die sich selbst bereichert fühlen. "Alleinerziehend bedeutet für nicht wenige in Oldenburg, tatsächlich alleine zu sein", erlebt Tihen, die alle Patinnen monatlich zum Austausch einlädt. Nicht selten werden die Frauen von Schwangerschaftsberaterinnen auf die Möglichkeit einer Familienpatin hingewiesen. 80 ehrenamtliche Familienpatinnen gibt es bei Caritas-Trägern im Oldenburger Land insgesamt.
Frühe Hilfen - davon gibt es beim SkF Vechta jetzt zwei neue Formen: Die eine, bei der Evelyn Holzenkamp als "Babylotsin" seit zwei Monaten an drei Vormittagen ins Krankenhaus Vechta geht zu schwangeren oder jungen Müttern und ihnen als "Lotsin" weitere Möglichkeiten der Hilfe anbietet. 300 Gespräche habe sie in den acht Wochen seit Beginn des Projekts geführt. Etwa mit einer 13-Jährigen, einer Inhaftierten aus der JVA Vechta oder mit der Bewohnerin einer Mutter-Kind-Einrichtung. Auf diese Weise fielen weit weniger Frauen in Not durch das Netz, ist Holzenkamp dankbar. Dankbar für die Erweiterung des Projekts ‚Babylotsen‘, bei dem der SkF Vechta seit zehn Jahren mit gynäkologischen Praxen im Landkreis Vechta zusammenarbeitet.
Neben einer "Gute-Start-Tasche" gibt es neu das Projekt "Zeit und Halt". Ehrenamtliche begleiten Kinder von psychisch belasteten Eltern über einen längeren Zeitraum und entlasten die Familien auf diese Weise einmal pro Woche, berichtete Manuela Pille.
Tief beeindruckt zeigte sich Theising von den Angeboten ganz unterschiedlicher Art. "Für jedes bin ich dankbar. Jeder Person danke ich für ihren wertvollen Einsatz ganz gleich, ob im Haupt- oder Ehrenamt", würdigte der Caritasratsvorsitzende und Vechtaer Offizial alle in diesem Feld Tätigen.
Pressemitteilung
„Die wissen es nicht besser“
Erschienen am:
03.11.2026
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